KI-Anwendungsfälle erkennen: Warum der Prozessblick entscheidet

Viele Unternehmen suchen nach KI-Potenzialen an den falschen Stellen. Warum der strukturierte Blick auf Geschäftsprozesse wichtiger ist als einzelne Aufgaben – und wie Fachbereiche eine gemeinsame Sprache für KI entwickeln.
KI-Anwendungsfälle in Geschäftsprozessen: Der entscheidende Unterschied zwischen Hype und Wertschöpfung
Die Euphorie um Künstliche Intelligenz hat in deutschen Unternehmen einen bemerkenswerten Effekt ausgelöst: Überall entstehen KI-Ideen. In Meetings, in Strategiepapieren, in spontanen Gesprächen am Kaffeeautomaten. Doch wer genauer hinschaut, erkennt ein wiederkehrendes Muster – die meisten dieser Ideen beginnen bei einzelnen Aufgaben, nicht bei Prozessen. Und genau hier liegt das Problem.
Die Frage, die sich Unternehmen stellen sollten, lautet nicht: Welche Aufgabe kann KI übernehmen? Sondern vielmehr: Wo im Geschäftsprozess entfaltet KI nachhaltige Wirkung? Diese Perspektivverschiebung klingt subtil, hat aber weitreichende Konsequenzen für den Erfolg von KI-Initiativen.
Das Dilemma der isolierten KI-Ideen
In vielen Organisationen entstehen KI-Vorschläge aus dem unmittelbaren Arbeitsalltag heraus. Ein Sachbearbeiter denkt darüber nach, wie KI seine E-Mail-Flut bewältigen könnte. Eine Marketingmanagerin überlegt, ob ChatGPT ihre Texte schreiben kann. Ein Vertriebsleiter fragt sich, ob KI seine Präsentationen erstellen könnte. All diese Gedanken sind nachvollziehbar – und gleichzeitig symptomatisch für ein grundlegendes Missverständnis.
Der Fokus auf einzelne Aufgaben führt zu einem Flickenteppich aus punktuellen Lösungen, die im besten Fall Zeit sparen, im schlechtesten Fall aber neue Probleme schaffen. Denn eine KI-Anwendung, die eine Aufgabe optimiert, ohne den umgebenden Prozess zu berücksichtigen, kann Schnittstellen verkomplizieren, Medienbrüche erzeugen oder schlicht am eigentlichen Wertschöpfungspotenzial vorbeigehen.
Warum der Prozessblick unverzichtbar ist
Geschäftsprozesse sind mehr als die Summe ihrer Einzelaufgaben. Sie haben eine Logik, einen Rhythmus, Abhängigkeiten und Wechselwirkungen. Wer KI-Anwendungsfälle identifizieren möchte, muss diese Zusammenhänge verstehen – nicht um Prozessexperte zu werden, sondern um die richtigen Fragen zu stellen.
Die entscheidende Erkenntnis lautet: Nachhaltige KI-Wirkung entsteht dort, wo Technologie in den Ablauf integriert wird, nicht dort, wo sie einzelne Tätigkeiten ersetzt. Diese Unterscheidung zwischen Aufgabenautomatisierung und Prozessintegration ist fundamental für jeden, der KI-Potenziale erkennen möchte.
Was einen KI-Anwendungsfall ausmacht – und was nicht
Bevor Unternehmen nach KI-Anwendungsfällen suchen, sollten sie klären, was sie eigentlich suchen. Die Begrifflichkeiten in diesem Feld sind notorisch unscharf. Ist jeder Einsatz eines KI-Tools bereits ein Anwendungsfall? Oder braucht es mehr?
Ein KI-Anwendungsfall im geschäftlichen Kontext beschreibt eine konkrete Situation, in der Künstliche Intelligenz einen definierten Beitrag zur Wertschöpfung leistet. Das klingt abstrakt, hat aber praktische Implikationen: Es geht nicht um Technologie um ihrer selbst willen, sondern um einen messbaren Nutzen im Unternehmenskontext.
Die Abgrenzung zu bloßer Tool-Nutzung
Wenn ein Mitarbeiter ChatGPT nutzt, um eine E-Mail umzuformulieren, ist das streng genommen kein KI-Anwendungsfall im prozessualen Sinne. Es ist eine individuelle Produktivitätssteigerung, die weder standardisiert noch in den Geschäftsablauf integriert ist. Ein KI-Anwendungsfall hingegen wäre die systematische Integration einer KI-gestützten Kommunikationsanalyse in den Kundenservice-Prozess, die Anfragen kategorisiert, priorisiert und an die richtigen Stellen weiterleitet.
Der Unterschied liegt nicht in der Komplexität der eingesetzten Technologie, sondern in der strukturellen Einbindung in den Geschäftsprozess. Ein Anwendungsfall ist reproduzierbar, skalierbar und auf seine Wirkung hin überprüfbar.
Die Frage nach der Wirkungsebene
Um KI-Anwendungsfälle sauber einzuordnen, hilft die Unterscheidung verschiedener Wirkungsebenen. Auf der untersten Ebene steht die individuelle Nutzung – hilfreich für den Einzelnen, aber ohne systematische Auswirkung auf den Prozess. Darüber liegt die Aufgabenautomatisierung, bei der KI definierte Tätigkeiten übernimmt. Die höchste Ebene bildet die Prozessintegration, bei der KI mehrere Prozessschritte verbindet oder transformiert.
Diese Hierarchie ist keine Wertung – nicht jede Situation erfordert Prozessintegration. Aber sie hilft dabei, Erwartungen realistisch zu setzen und Potenziale richtig einzuschätzen.
Typische Ansatzpunkte für KI in Geschäftsprozessen
Wo lohnt es sich, nach KI-Anwendungsfällen zu suchen? Die Erfahrung zeigt, dass bestimmte Prozesskategorien besonders vielversprechend sind. Das bedeutet nicht, dass KI dort automatisch sinnvoll ist – aber es sind gute Startpunkte für eine strukturierte Analyse.
Prozesse mit hohem Informationsaufkommen
Überall dort, wo große Mengen an Informationen verarbeitet, gefiltert oder zusammengefasst werden müssen, kann KI unterstützen. Das betrifft klassischerweise Dokumentenmanagement, Recherche, Berichtswesen und Kommunikationsanalyse. Die Stärke moderner KI-Systeme liegt gerade in der Verarbeitung unstrukturierter Daten – Text, Sprache, Bilder –, die bisher menschliche Interpretation erforderten.
Prozesse mit wiederkehrenden Entscheidungen
Entscheidungsprozesse, die auf ähnlichen Kriterien basieren und häufig durchlaufen werden, eignen sich potenziell für KI-Unterstützung. Das reicht von der Kreditwürdigkeitsprüfung über die Qualitätskontrolle bis zur Priorisierung von Serviceanfragen. Wichtig ist dabei: KI ersetzt nicht die Entscheidung, sondern bereitet sie vor oder unterstützt sie.
Prozesse mit Vorhersagekomponente
Wo Prognosen eine Rolle spielen – sei es bei der Bedarfsplanung, der Risikoeinschätzung oder der Kundenanalyse –, kann KI Muster erkennen, die menschlichen Betrachtern verborgen bleiben. Diese prädiktiven Anwendungsfälle gehören zu den etabliertesten KI-Einsatzgebieten und bieten oft messbare Verbesserungen.
Prozesse an der Schnittstelle zwischen Mensch und System
Besonders interessant sind Prozesse, in denen Menschen mit technischen Systemen interagieren. Hier kann KI als Vermittler fungieren – etwa durch intelligente Assistenzsysteme, die Informationen kontextbezogen bereitstellen oder Eingaben erleichtern.
Die häufigsten Fehler bei der KI-Identifikation
Die Suche nach KI-Anwendungsfällen ist anfällig für typische Denkfehler. Wer diese kennt, kann sie vermeiden.
Der Technologie-getriebene Ansatz
Ein verbreiteter Fehler ist der Ausgangspunkt bei der Technologie statt beim Problem. Unternehmen, die fragen "Wo können wir GPT einsetzen?" statt "Welche Prozessprobleme haben wir?", landen oft bei Lösungen, die Probleme suchen. Der umgekehrte Weg – vom Geschäftsproblem zur passenden Technologie – ist mühsamer, aber erfolgversprechender.
Die Überschätzung von Quick Wins
Schnelle Erfolge sind verlockend, können aber den Blick auf größere Potenziale verstellen. Wenn ein Unternehmen seine KI-Kapazitäten auf viele kleine Automatisierungen verteilt, fehlen möglicherweise Ressourcen für transformativere Initiativen.
Die Unterschätzung von Prozessabhängigkeiten
KI-Anwendungen existieren nicht im Vakuum. Sie beeinflussen vor- und nachgelagerte Prozessschritte, verändern Schnittstellen und erfordern neue Kompetenzen. Wer diese Wechselwirkungen bei der Identifikation von Anwendungsfällen ignoriert, erlebt später Überraschungen bei der Umsetzung.
Eine gemeinsame Sprache entwickeln
Eine der unterschätzten Herausforderungen bei der KI-Identifikation ist die Kommunikation zwischen verschiedenen Unternehmensbereichen. Fachbereiche, IT-Abteilungen und Management sprechen oft unterschiedliche Sprachen, wenn es um KI geht. Das führt zu Missverständnissen, falschen Erwartungen und ineffizienten Abstimmungsprozessen.
Die Entwicklung einer gemeinsamen Terminologie ist daher keine akademische Übung, sondern praktische Notwendigkeit. Wenn alle Beteiligten verstehen, was mit "KI-Anwendungsfall", "Prozessintegration" oder "Automatisierungspotenzial" gemeint ist, werden Diskussionen produktiver und Entscheidungen fundierter.
Vom Fachbereich zum Projekterfolg
Interessanterweise liegt die Kompetenz zur Identifikation von KI-Anwendungsfällen nicht primär bei IT-Experten, sondern bei den Fachbereichen. Sie kennen die Prozesse, verstehen die Schmerzpunkte und können einschätzen, wo Veränderungen den größten Nutzen stiften. Technisches KI-Wissen ist dabei hilfreich, aber nicht entscheidend.
Was Fachbereiche brauchen, ist ein strukturiertes Vorgehen, das ihnen ermöglicht, ihre Prozesserfahrung in eine KI-gerechte Perspektive zu übersetzen. Sie müssen lernen, Prozesse aus einer Wirkungs- und Ablaufperspektive zu betrachten – nicht um selbst KI-Systeme zu bauen, sondern um die richtigen Anforderungen zu formulieren.
Von der Erkennung zur Handlung
Das Erkennen von KI-Anwendungsfällen ist ein erster, aber entscheidender Schritt. Es schafft die Grundlage für alle weiteren Aktivitäten – von der Bewertung über die Priorisierung bis zur Umsetzung. Wer diesen Schritt sorgfältig geht, spart später Zeit und Ressourcen.
Wichtig ist dabei die Einsicht, dass Erkennung und Bewertung unterschiedliche Phasen sind. In der Erkennungsphase geht es darum, Möglichkeiten zu identifizieren und zu dokumentieren – ohne sofortige Beurteilung ihrer Machbarkeit oder Wirtschaftlichkeit. Diese Trennung ermöglicht ein offeneres Denken und verhindert, dass vielversprechende Ideen vorschnell verworfen werden.
Der Wert der Orientierung
In einer Zeit, in der KI-Möglichkeiten exponentiell wachsen, ist Orientierung ein kostbares Gut. Unternehmen, die einen strukturierten Ansatz zur Identifikation von KI-Anwendungsfällen entwickeln, gewinnen Klarheit inmitten der Komplexität. Sie können fundierte Entscheidungen treffen, statt auf jeden neuen Trend zu reagieren.
Diese Orientierungsfähigkeit ist keine einmalige Leistung, sondern eine kontinuierliche Kompetenz. Die KI-Landschaft verändert sich rasant, und was heute unmöglich erscheint, kann morgen Standard sein. Unternehmen, die ihre Prozesse kennen und regelmäßig auf KI-Potenziale überprüfen, bleiben handlungsfähig.
Die Rolle von Multiplikatoren und Key Usern
Eine nachhaltige KI-Strategie erfordert breite Beteiligung. Neben zentralen Experten spielen Multiplikatoren in den Fachbereichen eine wichtige Rolle. Sie sind nah an den Prozessen, genießen Vertrauen bei Kollegen und können KI-Ideen in beide Richtungen kommunizieren – von der Basis zur Führung und umgekehrt.
Die Befähigung dieser Key User zur Erkennung von KI-Anwendungsfällen ist eine strategische Investition. Sie verbreitert die Wissensbasis im Unternehmen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wertvolle Potenziale nicht übersehen werden.
Fazit
Die Fähigkeit, KI-Anwendungsfälle in Geschäftsprozessen zu erkennen, wird zur Schlüsselkompetenz für Unternehmen jeder Größe. Dabei geht es nicht um technisches Expertenwissen, sondern um einen strukturierten Blick auf die eigenen Abläufe. Der entscheidende Perspektivwechsel führt weg von isolierten Aufgaben hin zu integrierten Prozessen – denn dort entsteht nachhaltige Wirkung.
Unternehmen, die diesen Wandel vollziehen, entwickeln eine gemeinsame Sprache für KI-Diskussionen, vermeiden unscharfe oder ungeeignete Ideen und schaffen eine fundierte Grundlage für weitere Entscheidungen. Die Investition in diese Orientierungskompetenz zahlt sich aus: Sie macht den Unterschied zwischen KI-Aktionismus und strategischer Wertschöpfung. In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz von einem Trendthema zur geschäftskritischen Technologie wird, ist das kein Luxus, sondern Notwendigkeit.
Häufig gestellte Fragen
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